IBA 2027 als Entdeckungsverfahren

Geschrieben von am 7. Dezember 2016 | Abgelegt unter Aktuelles Region

IBAAm 7.12.2016 habe ich nachfolgende Rede zur Internationalen Bauausstellung (IBA) in der Regionalversammlung gehalten:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

1927 IBA, 2027 IBA – die Ergebnisse des IBA-Plattform­prozesses kennen wir seit der Präsentation in den Wagenhallen. Meine Fraktion fand’s eine gelungene Sache. Bis auf eines: Es wurde von ein paar Rednern ein bisschen rumgesponnen: Bisher sei die Architektur nach den Bedürfnissen des Kapitals oder des Marktes gestaltet worden, jetzt gehe es darum, „den Mensch in den Mittelpunkt zu stellen“ (ein Waldorf-Slogan). Diese Ausführungen des Abends haben uns eher amüsiert.

Es ist doch klar, dass jede Zeit die Bedürfnisse des Menschen in den Mittelpunkt stellt, jedoch jeweils anders und für die Nachfolgenden ist im Rückblick nicht immer nachvollziehbar, wie man so denken konnte. Das macht nachdenklich, weil sich zeigt, wie vergesslich der Mensch ist. Wenige Jahre nach der IBA 1927 wurde die Weißenhofsiedlung von den Nazis als „Araberdorf“ und „Schwäbisch Marokko“ verunglimpft.

Ursprünglich ging es 1927 um die Frage des bezahlbaren Wohnens. In der Werkbund-Beschreibung des Projekts hieß es: „Adolf G. Schneck stellt ein typisiertes Wohn-Programm vor, das für soziale Ansprüche erschwinglich ist. – Bruno Taut führt ein billiges Wohnungs-Modell für eine sechsköpfige Arbeiter-Familie vor“.

Kommt Ihnen bekannt vor? Kommt noch besser: Bei der IBA 1927 in Stuttgart stand nicht nur der Mensch mit seiner Gesundheit im Mittelpunkt. Die Reichsforschungsanstalt für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen macht ihre Subventionen für die Weißenhof-Siedlung davon abhängig, dass bei der Siedlung unter dem Aspekt der Bau-Ratio­nalisierung experimentiert wird. Wie war das mit der „Architektur nach den Bedürfnissen des Kapitals oder des Marktes?“ Der Staat drohte 1927 genau damit. Aber: Ludwig Mies van der Rohe, der die Ausstellung leitete, machte nicht mit, sah es als notwendig an, ich zitiere „die in Stuttgart gestellten Aufgaben aus einer Atmosphäre des Einseitigen und Doktrinären herauszuheben.“ Rationalisierung und Typisierung seien nur Mittel, aber keine Ziele.“ Keine „Atmosphäre des Einseitigen und Doktrinären“ – das gefällt uns.

IBA 1927: Der Mensch sollte abseits der Arbeitsplätze in einer gesunden Umgebung und einer funktionalen Architektur wohnen. Was keiner ahnte: Die Trennung von Wohnen und Arbeiten zu forcieren, sorgte mit für die Verkehrs- und Umweltprobleme, die uns ein Jahrhundert später belasten.

Vielleicht bekommen wir es schlauer hin – eine Garantie gibt es aber nicht, dass spätere Generationen auch über die Ideen des Jahres 2016ff. nicht in Teilen den Kopf schütteln werden. Wir sind jedenfalls gespannt, was bei der „Verknüpfung von Wohnen und Mobilität“ als Teil der Querschnittsqualität „Mobile Region“ an zukunftsweisenden Ideen entwickelt wird.
Natürlich geht es auch um Geld: OB Fritz Kuhns Rede und die von Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut hörten sich an, als gebe es keinen Zweifel an der IBA. Wir hoffen, dass Land und Stadt dann aber auch sagen: „Mir gebet reichlich.“

Dass die Region mit gutem Beispiel vorangeht und für das Gründungskapital der IBA GmbH gleich im Haushalt 2017 gesorgt wird, finden wir richtig. Die IBA muss vorangetrieben werden. Hier ist unserem Regions-Vorsitzenden Thomas Bopp sehr zu danken, der zeigt, was sich erreichen lässt, wenn sich ein Einzelner in verantwortlicher Position einer Sache annimmt. Dass wir dieselbe Energie und denselben Einsatz für das Gründungskapital einer Breitbandgesellschaft der Region in diesem Haushalt auch gerne gesehen hätten, sei als etwas Wasser im Wein vermerkt.

Die FDP-Regionalfraktion unterstützt die IBA. Aber mit einem klaren Aber: Die IBA 2027 muss eine Plattform, ja ein Markt werden, auf dem viele Ideen miteinander wetteifern dürfen. Wir wünschen uns, ein Entdeckungs­verfahren begleiten zu können, das neue Wege aufzeigt. Und wir wünschen uns einen anderen Stuttgarter Geist als in den zwanziger Jahren als der vielge­priesene Paul Bonatz im Vorfeld der IBA in der Stuttgarter Zeitung über Ludwig Mies van der Rohe schrieb: „unobjektiv, künstlerisch vulgär und amateurhaft, die Kuben erinnern mehr an Vorstädte in Jerusalem als an Stuttgart.“ Inzwischen sieht die Geschichte das gottseidank wieder anders. Lassen wir uns das eine Lehre sein.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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