Auf- und Abstieg von Regionen – gibt es Muster?

Geschrieben von am 11. Juli 2015 | Abgelegt unter Aktuelles Region

Der Eislinger Oberbürgermeister Klaus Heininger bei seinem Grußwort

Am 10. Juli 2015 fand der Jahresempfang der FDP-Regionalfraktion in Eislingen/Fils (Kreis Göppingen) statt. Regionaldirektorin Dr. Nicola Schelling sprach über „Eine Region, viele Interessen – wie gestalten wir unseren Standort zukunftsfähig?“ Mein Diskussionsbeitrag lautete „Auf- und Abstieg von Regionen – gibt es Muster?“:

„Auf- und Abstieg von Regionen – gibt es Muster“ – lautet mein heutiges Thema. Wenn wir an den Aufstieg einer Region denken, dann können wir uns die Region Stuttgart als Wirtschaftsraum herausgreifen: Sie stieg mit der Industrialisierung im 19. Jh – zunächst Textilindustrie, dann Maschinenbau, schließlich Automobilindustrie – aus einem ursprünglich agrarisch überprägten Raum zu einer führenden deutschen Industrieregion auf. Denken wir an den Abstieg einer Region, fällt uns meistens zunächst das Ruhrgebiet ein: Ursprünglich geprägt durch Bergbau und Eisen- und Stahlindustrie hat die einst  größte Industrieregion Deutschlands heute einen heftigen Strukturwandel erlebt. Die Monumente des Industriezeitalters sind dort auf „Routen der Industriekultur“ jetzt touristisch erschlossen und können als Relikte einer vergangenen Zeit besichtigt werden. Hier im Filstal gibt es im Rahmen des Landschaftsparkprogramms des Verbandes Region Stuttgart  jetzt auch eine solche Route der Industriekultur. Besichtigt werden können auch Zeugnisse vergangener Industriezyklen: Hier ist vor allem die Textilindustrie zu nennen, für die heute in einer deutschen Wirtschaftsregion kaum noch Platz ist, weil die Produktion aus Arbeitskostengründen schon lange ins Ausland verlagert wurde. Im Gegensatz zum Ruhrgebiet sind es aber hier Industriezeugnisse der Vergangenheit in einer florierenden Industrieregion der Gegenwart. Es gibt bei allem Wechsel der Branchen in unserer Region also über 150 Jahre die Kontinuität einer auf Industrieproduktion beruhenden Wohlstandsentwicklung zu beobachten. Der Vergleich mit dem Ruhrgebiet macht den Unterschied gleich deutlich: Offensichtlich ist es bei uns gelungen, den Wechsel der die Industrialisierung tragenden Leitbranchen im zeitlichen Ablauf mit zu vollziehen: Aus der handwerklichen Feinmechanik und der textilen Heimarbeit entstand die Textilindustrie, aus dem Maschinenbau entwickelte sich die Automobilindustrie. Offensichtlich gehört eine Kultur der Offenheit und Innovationsfähigkeit ganz zentral dazu, will eine Region einen Branchenzyklen überdauernden Wohlstand sichern. Dass das auf Dauer gar nicht so leicht ist, zeigt die Tatsache, dass es nicht so einfach ist, Regionen zu nennen, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Prosperität gleich über drei oder vier Jahrhunderte vorne mit dabei sind. Man landet da ziemlich schnell bei ein paar Hafenstädten bzw. Städten mit Zugang zum Meer, denen so etwas gelungen ist: Hamburg, Amsterdam oder London. Da haben wir aber auch schon unser nächstes Indiz: Die besondere Lage dieser Städte machte sie offen für Einflüsse aus aller Welt. Dass Hafenstädte zumindest in der Vergangenheit offener für Veränderungen und Innovationen waren als Binnenstädte, ist sicher unmittelbar einleuchtend.

Der Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson hat in seinem Buch „Aufstieg und Niedergang der Nationen“ 1985 darauf hingewiesen, dass Institutionen, Organisationen und Geschäftspraktiken in einer Region auch sehr träge sind. Solche „mitgehenden“ Regionen wie die Region Stuttgart sind daher sehr selten und es bedarf Energie und Ehrgeiz, sie aufrecht zu erhalten. Der Regelfall nach Olson lautet nämlich: Neue Technologien und Wirtschaftsstrukturen entwickeln sich in Regionen, die vorher weniger Bedeutung besaßen. Mit wirtschaftlichen und technologischen Wechseln seien in der Regel auch geographische Verlagerungen und auf- und absteigende Regionen verbunden. Das leuchtet ein.

Einer der ersten, der sich im 18. Jh. Gedanken über den Aufstieg von Regionen gemacht hat, war der schottische Philosoph David Hume. Von ihm ist aus dem Jahr 1752 der folgende Satz überliefert: „Wir können vernünftigerweise nicht erwarten, dass die Produktion von Wolltuchen in einer Gegend perfektioniert wird, die von Astronomie nichts weiß oder wo man die Ethik vernachlässigt.“ „Astronomie“ können wir in Zeiten der Diskussion um die Newtonsche Himmelmechanik als pars pro toto für die Naturwissenschaften nehmen. „Ethik“ steht hier bei Hume für Fairness, Vertrauen und einen moral sense, der jedem Menschen angeboren ist, der aber durch ein Zusammenspiel von Gefühl und Verstand sowie gesellschaftlicher Prägung geleitet werden muss. Wie sein Freund Adam Smith war David Hume der Meinung, dass die Marktwirtschaft moralische Eigenschaften der Akteure voraussetzt, die sie nicht selbst erzeugen kann. Der faire, respektvolle „ehrbare Kaufmann“ ist die Grundlage eines funktionierenden Austausches von Gütern in einer Region. Humes Ansicht kann man zusammendampfen auf ein Dreigestirn: Fleiß, Wissen und Humanität ermöglichen wirtschaftlichen Erfolg!

Liest man moderne Strukturberichte von Regionen kann man den „Fleiß“ und auch das „Wissen“ erahnen. So heißt es im Strukturbericht 2013 über die Region Stuttgart (S.7): „Die Region Stuttgart erwirtschaftet knapp 30 % der Wertschöpfung von Baden-Württemberg. Sowohl pro Einwohner als auch pro Erwerbstätigem liegt die Region deutlich über dem Bundes- und Landesdurchschnitt. Durch die schnelle Überwindung der Wirtschaftskrise konnte die Region Stuttgart bereits 2010 wieder an ihren großen Produktivitätsvorsprung anknüpfen, den sie traditionell gegenüber der Bundes- und Landesebene hat. …. Mit einer Wertschöpfung von 76.350 Euro pro Erwerbstätigem kommt das Produzierende Gewerbe auf eine um ein Drittel (32,2 %) höhere Arbeitsproduktivität als der Dienstleistungssektor.“ So entsteht ein bisschen der Eindruck, dass die quantitative Entwicklung der Produktionsfaktoren Arbeit , Kapital und Wissen allein ursächlich für unseren Wohlstand ist.

Gegen diesen mathematisch-statistischen Blick auf die nationalen und regionalen Wirtschaften hat sich Ende der neunziger Jahre der Wirtschaftshistoriker David Landes gewandt. In seinem Buch „Wohlstand und Armut der Nationen. Warum die einen reich und die anderen arm sind“ (Berlin 1999) arbeitet er heraus, dass die Kultur den entscheidenden Unterschied macht. Es ist das Zusammenspiel von Kultur und Ökonomie, das eine Region zum Erfolg führt. Ob die Menschen diszipliniert, leistungsbereit, initiativ und kreativ sind, hängt vor allem von ihrer kulturellen Prägung und weniger von der Entwicklung der Wirtschaftsdaten ab. Landes illustriert das mit einem Witz aus der Sowjetzeit: „Bauer Iwan (ist) auf Nachbar Boris neidisch, weil Boris eine Ziege besitzt. Eine Fee taucht auf und schenkt Iwan einen freien Wunsch. Was wünscht sich Iwan? Dass Boris‘ Ziege tot umfallen solle.“ (S.519) – keine wohlstandsfördernde Kultur. Am Beispiel des Niedergangs Spaniens als wirtschaftliche Weltmacht im 16. Jh. arbeitet Landes heraus, dass die Hexenjagd auf Andersgläubige im Rahmen der Gegenreformation maßgeblich für Spaniens wirtschaftlichen Abstieg war: Man verschloss sich neuen Erkenntnissen und erstickte Initiative und Kreativität. Landes erläutert auch schlüssig, dass die lange spanische Fremdherrschaft über Sizilien und Unteritalien ursächlich für die Rückständigkeit dieser Regionen im heutigen Italien ist. Eine im Hochmittelalter unter den schwäbischen Staufern florierende und multikulturelle Region erlebte in der frühen Neuzeit Judenprogrome und eine Kultur der Intoleranz und der Vorurteile. Landes interessantes  Fazit: „Intoleranz schadet … dem Täter mehr als dem Opfer“  (S.199).

Der US-Ökonom Richard Florida hat 2002 im seinem Buch „The Rise of the Creative Class. And How It’s Transforming Work, Leisure and Everyday Life“ die Bedeutung von Toleranz für wirtschaftlichen Wohlstand im regionalen Wettbewerb noch verschärfter herausgearbeitet: Die „3T“ sind maßgeblich für erfolgreiche Regionen – Technologie, Talent und Toleranz. Technologie steht für Innovationen, Talent für das kreative Potenzial und Toleranz für die Offenheit einer Region, durch welche ein großes Spektrum an Menschen angezogen wird, was zu einem hohen Austausch an neuen Ideen führt. 3T-Regionen gehört die wirtschaftliche Zukunft – so sieht das Richard Florida m.E. richtig.

Florida betont, dass die 3 T „Technologie, Talent und Toleranz“ gleichrangige Bedeutung haben. Der Amerikaner wirft speziell den Deutschen vor, Technologie zu isoliert zu sehen: „Technologie ist jedoch kein Allheilmittel. Weder der Technologie noch der protestantischen Arbeitsethik verdanken die USA ihre Position als globale Wirtschaftsmacht, sondern der Tatsache, dass Amerika es geschafft hat, talentierte und kreative Menschen aus aller Welt anzuziehen. Was das angeht, hat Deutschland noch einiges vor sich.“

Bei unserer Region Stuttgart kann man sagen, dass wir auf unser Technologie-T mächtig stolz sind. Ausruhen dürfen wir uns hierauf nicht. Die Diskussion um die Zukunft des Verbrennungsmotors macht ja deutlich, dass das Verpassen von Entwicklungen und technologischen Durchbrüchen uns auch schnell ins Abseits katapultieren kann.

Beim T für Talente sind wir zumindest auf dem richtigen Weg: Wir erleben Zuwanderung aus dem In- und Ausland in die Region Stuttgart, die offensichtlich auch längerfristig den demographischen Wandel in der Region – zumindest in ihrem Zentralbereich – aufhalten wird, wie wir gerade diese Woche in der Zeitung lesen konnten. Diese Menschen schließen nicht nur eine Fachkräftelücke – hierauf werden sie ja gerne verkürzt, sondern verkörpern Ideenpotenzial. Mich freut es daher, dass im neuen Leitbild für den Wirtschaftsstandort Region Stuttgart die folgenden Sätze stehen: „Mit Erfahrung, Pioniergeist, Verstand und Schaffenskraft arbeiten wir in der Ideenschmiede Region Stuttgart für die Welt von morgen. Als Heimat von Menschen aus aller Welt ist die Region Stuttgart ein international  vernetzter Standort und einladender Treffpunkt der kreativsten Köpfe. Wir arbeiten in dynamischen regionalen Netzwerken und steigern damit unsere  Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit. Wir verbinden hohe Lebensqualität mit verlässlichem Wirtschaften, Forschen  und Arbeiten. Wir eröffnen Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen optimale Chancen und Raum für die Entfaltung ihrer Lebensentwürfe und Realisierung von Ideen.“ Sowohl David Hume („verlässliches Wirtschaften“) als auch Richard Florida („kreative Köpfe“) dürfen mit diesen Formulierungen zufrieden sein.

Beim dritten T der Toleranz jedoch liegt die Region Stuttgart – im Unterschied zu den beiden anderen Ts – noch nicht im Spitzenfeld. Hier ist noch Luft nach oben. In der Studie „Zu gut, um in Zukunft bei den Besten dabei zu sein? Attraktivität der Region Stuttgart 2030“ des Forum Region Stuttgart aus dem Jahr 2013 heißt es auf S.19: „Im Rahmen der Studie „Kreative Klasse in Deutschland“ wurde 2010 bundesweit ein sogenannter Toleranzindex erhoben. Der Index vergleicht den Ausländeranteil und den Wähleranteil rechtsextremer Parteien bei der Europawahl 2009. Ein hoher Ausländeranteil und ein geringer Wähleranteil rechtsextremer Parteien führen zu einer positiven Bewertung. In diesem Index schneidet die Region Stuttgart überdurchschnittlich gut ab.“ In einer ähnlichen Studie von Roland Berger 2008 wurde ein anderer Toleranzindex für die Bewertung deutscher Großstädte herangezogen. Hier gingen neben Wahlverhalten zum Beispiel auch Experteninterviews aus der Subkultur oder die Anzahl internationaler Schulen in die Bewertung ein. Die Studie orientiert sich auch an Richard Floridas 3 T und vergibt beim Technologieindex Stuttgart den Platz 2 von 10, beim Talentindex  Platz 3 von 10, beim Toleranzindex jedoch nur Platz 7 von 10. Die Studie des Forums beklagt, dass es bisher nicht genügend gelungen ist, Toleranz messbar zu machen, was eigentlich nicht verwundern sollte. Als Handlungsfeld definiert sie: „Trotz zufriedenstellender Bewertungen in Toleranzindizes wurde der Handlungsbedarf für dieses Zukunftskriterium in den Expertenkreisen deutlich. Verbesserungsbedarf besteht bei der Bildungsbeteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund und in einer breit gelebten Willkommens‐ und Anerkennungskultur für Menschen aus aller Welt“ (S.20). Das ist ganz im Sinne von Richard Floridas 3T.

Das ist die politische Aufgabe die wir in Zeiten von Pegida, AfD, Euro-Krise und internationalen Konflikten haben: Wer aus Angst vor Wohlstandsverlusten auf Abschottung setzt, gefährdet den Wohlstand, den er verteidigen will. Das ist Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Unsere globale Wirtschaft ist heute so schnellen Zyklen des Wandels unterworfen, dass wir nur mit einer offenen und kreativen Kultur vorne mithalten können. Wir haben uns an das „vorne“ gewöhnt. Es macht geradezu die Identität der „Region-Stuttgarter“ aus, dass sie sich als Teil einer erfolgreichen Wirtschaftsregion verstehen. Dieses „vorne“ wird es aber in Zukunft nur geben mit der Offenheit für neue wirtschaftliche Entwicklungen, die auch das oft schmerzhafte Abschneiden „alter Zöpfe“ beinhaltet, mit der Offenheit für Menschen mit neuen Ideen aus dem In- und Ausland und mit der Offenheit für Bildung und Wissenschaft, denn im globalen Wettbewerb werden wir uns nur als wissensbasierter Standort halten können. Technologie, Talent und Toleranz – 3T-Region Stuttgart.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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