Remsecker Himmelsleiter auf den dritten Blick

Geschrieben von am 17. Juni 2012 | Abgelegt unter Aktuelles Remseck

Stuttgart-Rot hat eine Himmelsleiter (Straße, Stadtbahnhalt, Kirchengemeinde), Hemmingen gar zwei (stockwerksweise zurückspringende Hochhäuser) – da scheint es Remseck gut anzustehen, auch eine Himmelsleiter aufzuweisen. Jedenfalls nennt der Volksmund den mit einer monumentalen Treppe ausgestatteten neuen drei Meter hohen Aussichtshügel im oberen Regental so.

Seit der kleine Erdhügel im April aufgeschüttet und „betreppt“ wurde, werde ich auf dieses Teil angesprochen. „Welches kranke Gehirn hat sich das ausgedacht“, gehört noch zu den freundlichen Formulierungen (Die Empörung kann man auch hier im FDP Diskussionsforum ab dem 9.5. nachlesen). „Wer diese Verschwendung von Steuergeldern im Gemeinderat beschlossen hat, gehört am Baum auf dem Hügel aufgehängt“, ist dann schon etwas deftiger.

Versuchen wir, die ganze Sache mal aufzuklären. Was im Gemeinderat beschlossen wurde, kann jeder in der öffentlichen Vorlage 92/2010 (hier für jedermann zugänglich) nachlesen. Beschlossen wurde nämlich ein Sparmodell (übrigens auf Anregung der FDP): Statt den Bodenaushub, der durch den Bau des neuen Feuerwehrhauses anfällt, für teures Geld auf die Deponie zu fahren, wird der obere Regentalgraben verfüllt und gestaltet. Laut Vorlage ist die Unterbringung im Regental 40.000 Euro günstiger als das Deponieren. Was im ersten Moment nach Verschwendung von Steuergeldern aussieht, entpuppt sich auf den zweiten Blick also als Sparmodell, worauf die Stadtverwaltung jetzt auch beständig hinweist.

In diesem Fall lohnt sich aber ein „dritter Blick“: Der Vorlage 92/2010 kann man nämlich entnehmen, dass der Hügel im Gemeinderat ohne Treppe beschlossen wurde. Auf Seite 3 findet man sogar eine Skizze des Hügels – ohne Treppe, aber an der Westseite merkwürdig abgeschnitten. Wie kommt nun die Monumentaltreppe dazu, wenn es der Gemeinderat nicht war? Eine Antwort hat der Erste Bürgermeister Karl-Heinz Balzer am 2.6. in der Stuttgarter Zeitung gegeben: Nur mit der Einrichtung eines Aussichtspunktes sei von Seiten des Landratsamtes die Entsorgung der „Feuerwehrerde“ im Regental genehmigt worden. Bei einem Aussichtspunkt gehörten aber nun einmal Bank, Treppe und Geländer dazu. Das habe die Bürokratie im Kreishaus sozusagen erzwungen. Im gleichen Artikel steigt die Ersparnis auch auf 100.000 Euro durch diese Aktion. Die Botschaft an die Remsecker lautet also: Das Landratsamt, nicht der Gemeinderat ist schuld.

Herr Balzer wird von mir wegen seines unablässigen Arbeitseinsatzes für Remseck sehr geschätzt. Aber hier werde ich misstrauisch: 1. Auf die Idee mit der Nicht-Deponierung kam ich, da ich in den 90er Jahren Mitglied im Bauausschuss des Lichtenstern-Gymnasiums Sachsenheim war und wir dort auch viel Geld durch die Modellierung eines Hügels aus dem Aushub der Sporthalle auf dem Schulgelände gespart haben. Das musste vom Landratsamt als „landschaftsverändernde Maßnahme“ genehmigt werden. Niemand hat uns aber gebeten, eine Treppe, eine Bank oder sonst irgendetwas auf dem Hügel zu errichten (Das Kreuz, das heute auf dem Hügel steht, hat erst der neue Schulleiter 2006 aufrichten lassen, um den kirchlichen Charakter der Schule zu betonen). 2. Wie kann eine Ersparnis jetzt 100.000 Euro mit Treppe betragen, wenn vorher eine Einsparung ohne Treppe von 40.000 Euro vorgesehen war. 3. Betrachtet man die Skizze in Vorlage 92/2010 wird einem im Nachhinein klar, dass das Projekt wohl nicht zu Ende gedacht war, denn ein westlich fast senkrecht abgeschnittener Hügel hat wohl keinen langen Bestand. Die Vermutung liegt nahe, dass bei der Umsetzung die Treppe auch ein Beitrag zur Stabilität des Hügels war. 4. Die Treppe ist am Fuß fünf Meter breit und verjüngt sich nach oben. Ich werde eher an eine Kirchentreppe oder einen Mayatempel erinnert. Welcher Inspiration dieser recht teure Aufgang entsprungen ist, ist weiterhin nicht beantwortet. Bis zur Klärung dieser Fragen darf sich jeder Interessierte vor die Treppe knien und sie von unten fotografieren, damit sie – perspektivisch verzerrt – besonders groß erscheint. In Remseck kursieren bereits viele dieser Bilder, die auf dem Handy herumgezeigt werden mit der Bemerkung: „Schau mal – die spinnen doch“. Ab jetzt bitte zeigen mit der Bemerkung: „Schau mal – die sparen doch.“

 

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